Aus dem Archiv der ExtraTip Mediengruppe.
vom 04.03.2010


Zwei Verdachtsfälle

von H.-P. EHRENSBERGER

Fulda. Die Meldungen  über sexuelle Verfehlungen innerhalb der Katholischen Kirche reißen nicht ab. Im oberbayerischen Kloster Ettal führte die Staatsanwaltschaft Anfang der Woche eine Razzia durch. Das Bistum Limburg musste einräumen, dass Missbrauchsvorwürfe gegen Priester geprüft würden, die in zwei Fällen weiter zurück­lägen, es allerdings auch Taten „einiger weniger" Priester gäbe, die jüngeren Datums seien. Selbst im weltberühmten Chor der Regensburger Domspatzen soll es in den 1960er Jahren, als unter anderem der Bruder von Papst Benedikt XVI., Georg Ratzinger, Internatsleiter war, Missbrauchshandlungen gegeben haben.

Und nun hat der Skandal auch das Bistum Fulda erreicht. Einer schriftlichen Stellungnahme der Diözese vom Mittwochnachmittag zufolge gibt es zwei Missbrauchsverdächtigungen - gegen einen Priester und einen kirchlichen Mitarbeiter. Wobei letzterer  der Fälle wohl keine strafrechtliche Relevanz haben dürfte. Im Folgenden der Wortlaut der Erklärung des Bistums Fulda:
Informationen des
 Bistums Fulda

„Die Diözese Fulda hat derzeit Kenntnis von zwei Verdachtsfällen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Priester bzw. kirchliche Mitarbeiter, die schon länger zurückliegen und hat sich an die Staatsanwaltschaft gewandt. Das Bistum ist schock­iert und bedauert jeden einzelnen Verdachtsfall. Die Verantwortlichen stehen in Gesprächen mit den Betroffenen und hoffen auf eine rasche Aufklärung. Den Opfern gilt die erste Sorge der Kirche." Fulda, den 03.03.2010, Gez. Anne Schmitz, Beauftragte der Diözese Fulda zur Prüfung der Verdachtsfälle des sexuellen Missbrauchs.

Bei der Staatsanwaltschaft Fulda sind bis dato keine Anzeigen eingegangen. Das dürfte damit zusammenhängen, dass die Fälle außerhalb deren Zuständigkeitsbereich liegen. Das Bistum Fulda hat eine geographische Ausdehnung von Frankfurt Bergen-Enkheim im Süden über Amöneburg/Marburg im Westen, Osthessen, Teile   West-Thüringens und bis Bad Karlshafen im Norden.
Wie diverse Medien in Nordhessen berichten, soll sich ein Übergriff laut Angaben der Staatsanwaltschaft Hanau  in den 1990er Jahren im Landkreis Marburg-Biedenkopf zugetragen haben. Nach einem anonymen Brief des mutmaßlichen Opfers wurden Mitte Februar auf Betreiben des Bistums gegen den beschuldigten Priester strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet.
Im zweiten Fall sei ein Kirchenmitarbeiter aus Nordhessen betroffen, der drei Jahre vor Aufnahme seiner Tätigkeit in der katholischen Kirche auf einem Internetportal für Homosexuelle Kontakt zu über 16-Jährigen gesucht habe. Eine sexuelle Verfehlung sei in diesem Fall jedoch nicht bekannt. 
Fuldas Bischof Heinz Josef Algermissen befindet sich nach der Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Katholischen Bischofskonferenz vergangene Woche in Freiburg  bis 14. März im Urlaub und war für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Eine schriftliche Anfrage von „Fulda aktuell" in der vergangenen Woche, auch zu möglichen Missbrauchsvorwürfen oder Verdachtsfällen im Bistum Fulda, beantwortete der Pressesprecher des Bischöfliches Generalvikariats, Christof Ohnesorge, wie folgt: „Sehr geehrter Herr Ehrensberger, die Deutsche Bischofskonferenz hat eine deutliche Erklärung zur Aufdeckung von Fällen sexuellen Mißbrauchs an Minderjährigen auf ihrer Vollversammlung abgegeben und am Freitag veröffentlicht. Diese lasse ich Ihnen hiermit gerne auf Ihre Anfrage vom letzten Mittwoch hin zukommen."

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AKTUELL vom 5. März:

Am Donnerstag, dem 4. März haben der Generalvikar der Diözese Fulda, Prof. Dr. Gerhard Stanke und die Beauftragte zur Prüfung von Verdachtsfällen, Frau Anne Schmitz in Berlin ein Gespräch mit einem Opfer geführt, das im Jahr 1976 im damaligen Schülerheim der Stiftsschule Amöneburg von einem pädagogischen Laienmitarbeiter sexuell missbraucht wurde. Es hat mitgeteilt, dass auch weitere Schüler betroffen sind. Das Bistum hat es gebeten, mit den bisher unbekannten Schülern Kontakt aufzunehmen und sie zu motivieren, das Gespräch mit dem Bistum zu suchen, um die Vorfälle aufzuarbeiten.
Ein Priester des Bistums wurde in einem anonymen Brief beschuldigt wegen Taten, die schon einige Jahre zurückliegen. Dieser Verdachtsfall wurde an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Ein ehemaliger ehrenamtlicher Mitarbeiter eines Jugendverbandes hat vor seiner Tätigkeit im dem Jugendverband auf einer Internetseite sexuelle Kontakte zu Minderjährigen gesucht. Auch dieser Fall wurde an die zuständige Staatsanwaltschaft weitergeleitet. Das Bistum Fulda bittet um Verständnis, dass zum Schutz der Betroffenen neben dieser Pressemitteilung keine weiteren Äußerungen gemacht werden können.

Erklärung der Frühjahrs-Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz aus Anlass der Aufdeckung von Fällen sexuellen Missbrauchs an Minderjährigen im kirchlichen Bereich

Enthüllungen sexuellen Missbrauchs Minderjähriger durch Geistliche und Mitarbeiter der Kirche erschüttern uns in diesen Tagen. Wir Bischöfe stellen uns unserer Verantwortung. Wir verurteilen die Verbrechen, die Ordensleute sowie Priester und Mitarbeiter unserer Bistümer begangen haben. Beschämt und schockiert bitten wir alle um Entschuldigung und Vergebung, die Opfer dieser abscheulichen Taten geworden sind.

1. Die Wahrheit aufdecken

Wer sich an Kindern oder Jugendlichen sexuell vergeht, fügt ihnen oft lebenslang quälende Wunden zu. Lehrer und Erzieher verraten dabei aufs Tiefste das Vertrauen junger Menschen. Sie verletzen ihre Intimsphäre, statt sie zu schützen. Wenn der Täter ein Priester ist, wiegt dieses Vergehen besonders schwer. Es steht im Widerspruch zum geistlichen Amt, weil dann der Priester die besondere Nähe ausnutzt, die Menschen mit einem Seelsorger verbindet. Wir deutschen Bischöfe sind betroffen über jeden Fall sexuellen Missbrauchs durch Geistliche und andere Mitarbeiter. Wir wollen eine ehrliche Aufklärung, frei von falscher Rücksichtnahme, auch wenn uns Vorfälle gemeldet werden, die schon lange zurückliegen. Die Opfer haben ein Recht darauf.

2. Die Leitlinien auswerten

Wir stehen nicht am Anfang der Auseinandersetzung mit solchen Verfehlungen, auch wenn wir ihr Ausmaß bislang unterschätzt haben. Vor acht Jahren haben wir die „Leitlinien zum Vorgehen bei sexuellem Missbrauch Minderjähriger durch Geistliche im Bereich der Deutschen Bischofskonferenz“ (26.09.02) erarbeitet. Sie gelten in allen Bistümern. Der Zusammenschluss der deutschen Ordensoberen hat sie übernommen. Sie verhindern Vertuschung und Verschleierung. Die Leitlinien sagen den Opfern und ihren Angehörigen eine menschliche, therapeutische und seelsorgliche Hilfe zu, die individuell angepasst ist. In jedem Bistum gibt es Ansprechpartner, an die man sich im Verdachtsfall oder mit Fragen wendenkann. Wir werden klären, wie ihre Auswahl noch verbessert werden kann und ob ihre Arbeit durch weitere Personen und Ombudsleute ergänzt werden soll. Besondere Bedeutung hat für uns auch die frühzeitige Einschaltung der Staatsanwaltschaften. Wir unterstützen die Behörden aktiv bei ihrer Arbeit. Wir haben einige Verantwortliche im Personalbereich unserer Bistümer gebeten, mit der Unterstützung unabhängiger externer Berater die Leitlinien und ihre Umsetzung zu überprüfen. Wir erwarten bis zum Sommer weiterführende Vorschläge.

3. Die Prävention stärken

Die Vergangenheit verlangt Aufklärung und den Schutz gegen den Rückfall von Tätern. Deshalb holen wir vor der Entscheidung über die berufliche Zukunft eines Täters die Stellungnahme anerkannter Spezialgutachter ein und werden diese Begutachtung zur Pflicht machen. Die Zukunft verlangt weitere Schritte zur umfassenden Prävention. Wir fordern die Gemeinden und besonders die Verantwortlichen in unseren Schulen und der Jugendarbeit auf, eine Kultur des aufmerksamen Hinschauens zu pflegen. Wir unterstützen eine Pädagogik, die der Stärkung der Persönlichkeit jedes einzelnen Kindes und Jugendlichen verpflichtet ist. Die Forderung nach Prävention betrifft alle Bereiche der Gesellschaft, wo Kinder und Jugendliche zu Erwachsenen ein Verhältnis besonderen Vertrauens unterhalten und zugleich von ihnen abhängig sind.

In Deutschland gibt es viele Initiativen der Zivilgesellschaft und Einrichtungen des Staates gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Sie helfen dabei, Aufklärung und Prävention zu stärken. Wir wollen von ihnen lernen und zeitnah das Gespräch suchen, um klarer zu erkennen, was der Kirche zur Prävention sexuellen Missbrauchs in ihrem eigenen Bereich möglich und abverlangt ist. Wir Bischöfe führen auch Gespräche mit Opfern. Wir werden tun, was wir zu tun im Stande sind, damit die Wunden heilen können und keine neuen zugefügt werden.

Der Zölibat der Priester ist, wie uns Fachleute bestätigen, nicht Schuld am Verbrechen sexuellen Missbrauchs. Ein zölibatäres Leben kann aber nur versprechen, wer dazu die nötige menschliche und emotionale Reife hat. Zur Prävention gehört eine entsprechend sorgfältige Ausbildung der künftigen Priester. Deshalb geben wir einen Bericht in Auftrag, ob wir den Weihekandidaten im Hinblick auf die Eignung zum Zölibat noch bessere Hilfen zur Stärkung der psychosexuellen Reife anbieten können. Wir prüfen zudem, welche weiterführenden Formen der Unterstützung unserer Priester es in diesem Bereich gibt. Auch unsere pastoralen und pädagogischen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter müssen entsprechend geeignet sein und begleitet werden.

4. Verantwortung verorten

Der Bischof von Trier, Dr. Stephan Ackermann, ist ab sofort besonderer Beauftragter der Bischofskonferenz für alle Fragen im Zusammenhang des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich. Ihn unterstützt ein Büro, das wir im Sekretariat der Deutschen Bischofskonferenz einrichten. Es wird die Zusammenarbeit zwischen den Bistümern und mit den Orden in allen relevanten Fragen ausbauen und für die Verbindung mit den zivilgesellschaftlichen Initiativen und staatlichen Aktivitäten sorgen. Wir starten zudem eine bundesweite Hotline zur Information in Fragen des sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich.

Wir deutschen Bischöfe danken allen, die in diesen Wochen dabei helfen, Unrecht und Leid im Zusammenhang sexuellen Missbrauchs Minderjähriger im kirchlichen Bereich aufzuklären und aufzuarbeiten. Wir bitten zugleich um die Unterstützung durch den Sachverstand derer, die außerhalb der Kirche aktiv sind. Die allermeisten Geistlichen verrichten ihren Dienst mit Hingabe und großer Glaubwürdigkeit. Wir danken ihnen und allen anderen Mitarbeitern, besonders in den katholischen Schulen und in der Jugendarbeit, für ihren großen Einsatz, den sie auch in diesen schwierigen Wochen unbeirrt erbringen. Die Fastenzeit gibt uns in besonderer Weise die Gelegenheit zu Gewissenserforschung und Umkehr, damit unser Lebenszeugnis glaubwürdig ist.



Lesermeinungen zu diesem Artikel

ex Christ schrieb am 12.03.2010 um 12:55:28
"Nach all den Verbrechen der katholischen Kirche direkt und in derem Namen müßte sie längst verboten sein. Neben der Hexenverbrennung ist der sytematische sexuelle Mißbrauch an Schutzbefohlenen vielleicht harmlos. Zumindest in der Duldung von kindlichen Kreuzzügen seinerzeit.... NaJa Aber: wer traut sich"
(Lesermeinungen sind keine redaktionellen Meinungsäußerungen)

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